Cyber Benchmark 2026: Wachsende Komplexität bremst den Fortschritt
Veröffentlicht am 15. Juni 2026
- Cyber Security
Reifegrad des Marktes und Cybersecurity-Trends
Key insights
- Der durchschnittliche Reifegrad großer Organisationen ist leicht auf 55,3 % gestiegen. Der Finanzsektor bleibt mit durchschnittlich 67,6 % Spitzenreiter.
- Cybersecurity-Budgets machen im Schnitt 6,7 % der gesamten IT-Budgets aus. Auf einen Cybersecurity-Experten kommen durchschnittlich 979 Mitarbeitende.
- Der Schutz vor Ransomware steigt auf durchschnittlich 58 % bei großen Unternehmen. Mittelgroße Unternehmen weißen kritische Lücken aufweisen
- Fünf Schlüsselbereiche verzeichnen deutliche Fortschritte: Governance, Risikomanagement, Detektion (SOC), Incident Response und Resilienz – allesamt getrieben durch KI-bezogene Herausforderungen.
- KI-Sicherheit hinkt hinterher: 76 % der Organisationen haben Regeln definiert, doch der Gesamtreifegrad liegt bei nur 38 %. Der Schutz und die Erkennung von Angriffen auf KI-Systeme ist mangelhaft (10 %).
- Die NIS-2-Richtlinie treibt Compliance-Investitionen voran. Bislang ist jedoch kein Unternehmen vollständig konform. Große Organisationen erreichen im Schnitt 60 % Reifegrad.
In fünf der 17 untersuchten Cybersecurity-Domänen zeigen sich deutliche Fortschritte:
Die Governance (+2 %) wurde unter regulatorischem Druck und durch die stärkere Einbindung der Führungsebene gestärkt. Organisationen haben ihre Strukturen formalisiert: mit klareren Rollen (CISO-Funktionen und deren erweiterte Teams, etwa für Industriesysteme und digitale Produkte), einer besseren Verankerung der Cybersicherheit in der Gesamtstrategie und einem wachsenden Bewusstsein auf Vorstandsebene. Letzteres wurde unter anderem durch die starke mediale Präsenz des Themas befeuert. Dies trägt zu schnelleren und strukturierteren Entscheidungen bei.
Das Risikomanagement (+2 %) verbessert sich dank der breiteren Einführung formalisierter Ansätze und verfeinerter Risiko-Mappings, die eine bessere Priorisierung von Maßnahmen ermöglichen. Die Risikobehandlung wird zunehmend konkreter: durch strukturierte und nachverfolgte Maßnahmenpläne, die stärkere Nutzung proaktiver Ansätze wie Bug-Bounty-Programme sowie eine bessere Integration von Cyberrisiken in agile Entwicklungszyklen.
Die Detektion (+5 %) wird durch stärkere SOC-Kapazitäten und fortschrittliche Technologien vorangetrieben. Das Monitoring verbessert sich durch SIEM, EDR/XDR und KI, was eine bessere Erkennung schwacher Signale ermöglicht. Verstärkt wird diese Entwicklung durch angereicherte Detektionsszenarien, die interne Logs (z. B. aus der CMDB) und externe Threat Intelligence nutzen und so die Kontextualisierung von Alerts verbessern. Zudem strukturieren Organisationen zunehmend risikobasierte Use Cases und vertiefen die Analyse von Applikationslogs im Zusammenhang mit Sicherheitsereignissen.
Die Incident Response (+2 %) macht dank verbesserter 24/7-Verfügbarkeit interner Teams, der Einbindung spezialisierter Dienstleister sowie der Definition, Kommunikation und Umsetzung strukturierter Incident-Management-Prozesse deutliche Fortschritte. Das ermöglicht schnellere, besser koordinierte und wirksamere Reaktionen auf schwerwiegende Vorfälle.
Die Cyberresilienz (+3 %) hat sich in den letzten Jahren durch stärkere Vorsorgemaßnahmen deutlich verbessert. Organisationen bauen ihre Cyberversicherungen aus, führen vermehrt Krisenmanagement-Übungen durch und intensivieren das Testen ihrer Wiederherstellungsprozesse und stärken damit ihre Fähigkeit, den Geschäftsbetrieb auch bei schwerwiegenden Vorfällen aufrechtzuerhalten. Dennoch bleibt dies eines der zentralen Risikofelder in der gesamten Cybersecurity-Landschaft.
Cybersicherheit im Wandel: KI hält zunehmend Einzug in Governance, Risikomanagement und Cyber-Operationen
Parallel zu diesen Entwicklungen etabliert sich künstliche Intelligenz als strukturprägender Treiber, der Cybersecurity-Praktiken und die zugehörigen Organisationsmodelle tiefgreifend verändert. Sichtbar wird dieser Wandel zunächst an neuen spezialisierten Rollen: etwa dem AI Risk Management, das KI-spezifische Risikoframeworks konzipiert, pflegt und die zugehörigen Assessments verantwortet, oder dem AI Compliance Officer, der die Einhaltung von Regulierungen und Frameworks (AI Act, NIST AI RMF) sicherstellt und die Klassifizierung von Systemen nach Kritikalität definiert. Ergänzt werden diese Rollen durch die AI Governance, die Richtlinien, Standards und Entscheidungsprozesse rund um den KI-Einsatz strukturiert, sowie den AI Third-Party Risk Manager, der Anbieter bewertet und Risiken im Zusammenhang mit SaaS-Lösungen, APIs und Large Language Models (LLMs) steuert.
Zugleich verändert der Aufstieg der KI die Bedrohungslandschaft. Angriffe werden raffinierter – durch den zunehmenden Einsatz von automatisiertem Phishing, täuschend echten Deepfakes und erste Malware, die KI in ihren Verbreitungs- oder Tarnmechanismen nutzt (z. B. PromptFlux, PromptLeak). Als Reaktion auf diese gestiegenen Risiken beginnen Organisationen, ihre Verteidigungsfähigkeiten umzubauen. Erste erfolgreiche KI-Einsätze in SOCs ermöglichen bereits die automatisierte Bearbeitung von Spam und Phishing, eine verbesserte Alert-Triage und höhere operative Effizienz.
Die schrittweise Integration von KI in Detektionswerkzeuge erlaubt zudem fortgeschrittenere Verhaltensanalysen und eine bessere Modellierung komplexer, maßgeschneiderter Angriffsszenarien.
Dedizierte KI-Response-Teams sind bislang noch selten, doch ihr Aufbau zeichnet sich als wachsender Trend ab. Ein Zeichen dafür, dass Organisationen gezielt Fähigkeiten für diese neuen Risiken entwickeln müssen. Insgesamt wirkt KI sowohl als Beschleuniger der Verteidigungsfähigkeiten als auch als Treiber zunehmender Bedrohungskomplexität und erfordert damit eine kontinuierliche Anpassung von Governance, Risikomanagement und Cybersecurity-Operations.
Künstliche Intelligenz: Grundlagen gelegt, Reifegrad bleibt begrenzt
Künstliche Intelligenz steht inzwischen im Zentrum der Investitionen großer Organisationen. Sicherheitsteams müssen oft kurzfristig mobilisieren, um die Absicherung dieser neuen Systeme zu unterstützen.
In historisch gereiften Bereichen wie der Governance oder der Sicherheitsvalidierung von Projekten gelingt es Unternehmen in der Regel, sich anzupassen und mit der Entwicklung Schritt zu halten. Bereiche, die schon zuvor hinterherhinkten – etwa das Third-Party-Risikomanagement – sowie neuere und komplexe Themen wie das Sicherheitstesten von KI-Systemen oder die Antizipation neuer KI-bezogener Bedrohungen weisen dagegen weiterhin einen sehr niedrigen Reifegrad auf.
Unsere Teams waren intensiv in diese Themen eingebunden – das erlaubt uns, den aktuellen Reifegrad des Marktes über mehr als 20 große Organisationen hinweg zu bewerten:
- 76 % verfügen inzwischen über eine dedizierte KI-Sicherheitsrichtlinie
- 62 % wenden einen Cybersecurity-Validierungsprozess (Go/No-Go) für KI-Use-Cases an
- 57 % haben ein Team etabliert, das die Compliance von KI-Projekten bewertet
- 48 % haben ihre Methodik zur Third-Party-Risikobewertung um KI-Anbieter erweitert
Bei konkreten Schutzmaßnahmen fallen die Ergebnisse jedoch deutlich schwächer aus: Nur 10 % der Unternehmen haben Abwehrmechanismen gegen Prompt-Injection-Angriffe oder andere KI-spezifische Bedrohungen implementiert.
NIS-2-Richtlinie: hohe Priorität, unvollständige Umsetzung
Die europäische NIS-2-Richtlinie, die in mehreren europäischen Ländern derzeit umgesetzt wird oder bereits in Kraft ist, treibt Organisationen dazu, ihre Cybersicherheit zu stärken. Große Organisationen erreichen mit Blick auf die NIS-2-Anforderungen einen Reifegrad von rund 60 %, während die Richtlinie letztlich vollständige Konformität verlangen wird. Dieses vergleichsweise niedrige Niveau verdeutlicht, welcher Aufwand bis zur vollständigen Compliance und Resilienz noch erforderlich ist. Die Analyse basiert auf einer Stichprobe von mehr als 15 Organisationen aus verschiedenen Branchen, die anhand unterschiedlicher nationaler NIS-2-Rahmenwerke bewertet wurden, entweder auf Ebene der Gesamtorganisation oder für spezifische Teilbereiche. Die zentrale Herausforderung liegt in der Anforderung eines einheitlichen Sicherheitsniveaus über das gesamte Informationssystem hinweg. Das bricht mit bisherigen Ansätzen, die sich häufig auf kritische Bereiche konzentrieren.
Große internationale Konzerne sind in ihrer Compliance oft weiter fortgeschritten, da sie von ihrer Präsenz in Ländern profitieren, in denen NIS 2 bereits umgesetzt wurde und regulatorische Kontrollen begonnen haben.
Der Detaillierungsgrad der Anforderungen variiert erheblich zwischen den Ländern, was die Umsetzung auf europäischer Ebene zusätzlich verkompliziert. Angesichts dieser Heterogenität müssen große Organisationen eine Balance finden zwischen der Erfüllung lokaler Erwartungen und der Wahrung übergreifender Konsistenz. Sie streben daher danach, ihre Cybersecurity-Rahmenwerke und Informationssysteme zu harmonisieren. Dafür definieren sie gemeinsame Standards, die robust genug sind, um alle Tochtergesellschaften abzudecken, und zugleich flexibel genug für nationale Besonderheiten bleiben.
Eine detaillierte Analyse der nationalen NIS-2-Umsetzungen unterstreicht diese Heterogenität. Einige Länder führen sehr spezifische Anforderungen ein: Frankreich betont die Sicherheit von Administrationssystemen und die Nachvollziehbarkeit von Untersuchungen; Belgien verlangt detaillierte Inventare kritischer Lieferanten und Assets; Ungarn stellt weitreichende Anforderungen an Kontinuität, Überwachung und die Automatisierung des Incident Managements; Italien wiederum verschärft die Erwartungen an die Sichtbarkeit von OT-, IoT- und Cloud-Umgebungen, oft mit engen Compliance-Fristen. Andere Länder verfolgen gegensätzliche Ansätze, die von hochdetaillierten, technischen Rahmenwerken (Estland, Kroatien) bis hin zu knapperen, empfehlungsbasierten Vorgaben (Niederlande, Finnland) reichen. Hinzu kommen weitere nationale Anforderungen, etwa die verpflichtende Meldung von Zero-Day-Schwachstellen an CSIRTs (Griechenland, Dänemark), strenge Backup-Vorgaben (Slowakei) oder hohe Verfügbarkeitsanforderungen für kritische Systeme (Litauen). Diese Vielfalt, kombiniert mit unterschiedlichen Vorgaben zu Fristen, Dokumentation und dem Austausch mit den Aufsichtsbehörden, erhöht die Komplexität der Compliance zusätzlich und unterstreicht den Bedarf an Ansätzen, die europaweit sowohl harmonisiert als auch anpassungsfähig sind.
Zentrale Herausforderungen für die Compliance sind:
Die Richtlinie verlangt einen klaren, aktuellen Überblick über digitale Assets (Infrastruktur, Anwendungen, Arbeitsplätze), um deren fortlaufende Sicherheit zu gewährleisten. Diese Erfassung bleibt jedoch lückenhaft, insbesondere in hybriden und Cloud-Umgebungen.
NIS 2 schreibt strenge und kontinuierliche Cybersicherheitsbewertungen von Dienstleistern und Partnern vor. Unternehmen müssen diese Kontrollen professionalisieren, denn sie erfolgen bislang oft nur teilweise oder manuell.
Die Administration erfordert besonderen Schutz (dedizierte Admin-Konten, dedizierte Arbeitsplätze, dedizierte Admin-Netzwerke), insbesondere bei Verzeichnisdiensten, wo eine Kompromittierung schwerwiegende Folgen hätte. Trotz der Einführung von PAM-Lösungen (Privileged Access Management) bleiben die Praktiken fragmentiert.
Methodik der Studie
Die Reifegrade wurden anhand internationaler Standards (NIST CSF v2.0 und ISO 27001/2) im Rahmen von Assessments ermittelt, die von Beraterinnen und Beratern des Unternehmens Wavestone durchgeführt wurden – überwiegend in Interviews mit den Sicherheitsverantwortlichen der beteiligten Organisationen.
Die Stichprobe umfasst mit Stand Mai 2026 mehr als 200 Organisationen (darunter 100 mit einem Umsatz von über 1 Mrd. Euro), die zusammen knapp 7 Millionen Mitarbeitende repräsentieren. Die Daten aus den einzelnen Assessments wurden anschließend konsolidiert und analysiert.