Biodiversität und Gesundheit: ein strategischer Hebel für die Resilienz von Unternehmen
Veröffentlicht am 17. September 2026
- Versicherungen
- Sustainability
In Kürze
- Der Sommer 2026 war weltweit von extremen Klimabedingungen geprägt. Die Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft sowie auf Flora und Fauna rücken das Thema Biodiversität erneut in den Fokus.
- Biodiversität ist jedoch weit mehr als ein Umweltthema: Sie ist ein zentraler Treiber für Gesundheit, wirtschaftliche Resilienz, Gesundheitssicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.Um diese Wechselwirkungen besser zu verstehen, hat Wavestone gemeinsam mit dem Institut Veolia, dem AXA Fonds für den Fortschritt der Menschheit und Sanofi eine wissenschaftliche Publikation veröffentlicht.
- Die Studie verbindet Erkenntnisse aus Lebenswissenschaften, öffentlicher Gesundheit, Wirtschaft und Politik und beleuchtet bislang wenig beachtete Zusammenhänge.
Gleichzeitig zeigt sie konkrete Handlungshebel für Unternehmen, politische Entscheidungsträger und die Zivilgesellschaft auf
Biodiversität wird noch immer häufig als eines von vielen Umweltthemen betrachtet. Tatsächlich ist sie jedoch ebenso ein Thema der Gesundheit, der wirtschaftlichen Resilienz, der Gesundheitssicherheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Unternehmen, Investoren und Versicherer hinterfragen zunehmend ihre Abhängigkeit vom Naturkapital. Diese Abhängigkeiten betreffen nicht nur Ressourcen und Lieferketten, sondern auch die Gesundheit der Bevölkerung, die Lebensqualität in Regionen und letztlich das Humankapital, von dem ihre Leistungsfähigkeit abhängt.
Biodiversität und Gesundheit: eine lebenswichtige Allianz
Biodiversität ist nicht nur ein Umweltthema. Sie bildet eine wesentliche Grundlage für die menschliche Gesundheit, die Ernährungssicherheit, Pandemieprävention und medizinische Innovation. Sie trägt direkt zur Wasserqualität, zur Klimastabilität und zum Funktionieren von Ernährungssystemen bei. Da 35 % der weltweiten Agrarproduktion von der Bestäubung durch Tiere abhängen, stellt Biodiversität einen strategischen Faktor zur Sicherung von Erträgen, der Nährstoffqualität von Lebensmitteln und der Resilienz von Lieferketten dar.
Für viele Unternehmen, insbesondere in der Agrar- und Lebensmittelindustrie sowie in den Life Sciences, ist Biodiversität damit zu einem entscheidenden Faktor für Innovation, Geschäftskontinuität und wirtschaftliche Resilienz geworden.
Die Natur ist zudem ein bedeutender Treiber pharmazeutischer Innovationen. Zahlreiche therapeutische Durchbrüche, darunter Antibiotika, Immunsuppressiva, Krebsmedikamente und Mittel gegen Malaria, haben ihren Ursprung in biologischen Ressourcen. Aktuelle Forschungen zum Mikrobiom, zur Bionik und zu extremophilen Organismen eröffnen neue Möglichkeiten zur Behandlung chronischer Erkrankungen und zur Bewältigung gesundheitlicher Herausforderungen infolge des Klimawandels.
Darüber hinaus fungieren intakte Ökosysteme als natürlicher Schutzschild: Sie dämmen Infektionskrankheiten ein, stärken die Krisenfestigkeit von Gemeinschaften und mildern extreme Wetterereignisse ab.Als bedeutendes Reservoir an Molekülen, biologischen Mechanismen und bislang weitgehend ungenutzten Lösungen schwächt der Verlust der Biodiversität bestehende und künftige Schutzmechanismen und erhöht gleichzeitig gesundheitliche, operative und finanzielle Risiken. Für Unternehmen und insbesondere für Versicherer, die systemischen Risiken ausgesetzt sind, wird Biodiversität damit zu einem zentralen Hebel für die frühzeitige Erkennung und Steuerung langfristiger Risiken.
Beeinträchtigungen der Biodiversität: steigende gesundheitliche und wirtschaftliche Kosten
Umweltverschmutzung entwickelt sich zu einem wesentlichen Geschäftsrisiko. Mikroplastik, Quecksilber, Arzneimittelrückstände und chemische Schadstoffe beeinträchtigen sowohl Ökosysteme als auch die menschliche Gesundheit. Diese Belastungen tragen zur Zunahme chronischer Erkrankungen, endokriner Störungen, neurologischer Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Leiden bei.
Unternehmen, insbesondere in den Bereichen Life Sciences, Versicherungen, Lebensmittelindustrie und Industrie, spüren die Folgen direkt: durch Produktionsausfälle, wachsenden regulatorischen Druck, Haftungs- und Reputationsrisiken sowie steigende Ausgaben im betrieblichen Gesundheitsmanagement.
Der Verlust biologischer Vielfalt begünstigt zudem das Entstehen neuer Gesundheitsrisiken. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume, der Handel mit Wildtieren und biologische Invasionen erhöhen das Risiko für Zoonosen und Pandemien. Invasive Arten sind an 60 % aller dokumentierten Artenaussterben beteiligt und fördern zugleich die Entstehung neuer Infektionskrankheiten.
Gesundheitsrisiken durch Biodiversitätsverlust sind daher längst keine Nischenthemen mehr, sondern systemische Risiken – vergleichbar mit den Folgen des Klimawandels.Die wirtschaftlichen Kosten des Nichtstuns steigen rasant. Biologische Invasionen verursachten im Jahr 2019 weltweit Kosten von mehr als 423 Milliarden US-Dollar, wobei die Belastungen in den vergangenen Jahrzehnten exponentiell zugenommen haben. Antimikrobielle Resistenzen stehen bereits weltweit mit Millionen von Todesfällen in Zusammenhang und verursachen erhebliche Kosten für Gesundheitssysteme.
Landwirtschaftliche Verluste durch Schädlinge, Bodendegradation oder den Rückgang von Bestäubern schwächen ganze Wirtschaftszweige. Für Unternehmen schlägt sich das in höheren Schadensfällen, unterbrochenen Lieferketten und extremer Marktvolatilität nieder.
Antizipieren, innovieren, finanzieren: drei Handlungshebel für Unternehmen
Auf Unternehmensebene bestehen zahlreiche Handlungsmöglichkeiten.
Die Integration von Biodiversität in die Unternehmensstrategie ist insbesondere für Branchen relevant, die stark von natürlichen Ressourcen abhängig oder physischen Risiken ausgesetzt sind: Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Landwirtschaft, Kosmetik, Pharmaindustrie, Chemie, Textilindustrie, Luxusgüter, Energie, Wasser, Infrastruktur, Immobilien, Tourismus sowie Finanzdienstleistungen und Versicherungen.
Unternehmen müssen ihre Abhängigkeit von Ökosystemleistungen ebenso bewerten wie ihre Auswirkungen auf Ökosysteme. Biodiversität sollte in Governance-Prozesse, Risikomanagement und Kapitalallokation integriert werden. Die Entwicklung von Biodiversitäts- und Gesundheitsindikatoren ermöglicht eine fundiertere Steuerung von Investitionsentscheidungen im Rahmen eines strategischen Managementansatzes.
Auch Akteure aus Bauwesen, Stadtentwicklung und Infrastruktur können naturbasierte Lösungen nutzen, um die Anpassung an den Klimawandel und die Resilienz von Regionen zu stärken.
Vom Vorbild der Natur inspirierte Lösungen bieten erhebliche Wachstums- und Innovationspotenziale. Ob Bionik, mikrobielle Medizin, Biotechnologie, regenerative Landwirtschaft oder RNA-Technologien für eine nachhaltige Landwirtschaft: Diese Ansätze verbinden wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit geringeren Umweltauswirkungen und einer höheren Resilienz produktiver Systeme. Sie eröffnen neue Perspektiven in Branchen wie Pharma, Gesundheitswesen, Biotechnologie, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Landwirtschaft, Chemie, Werkstoffe, Fertigung, Wasseraufbereitung und Umwelttechnologien.
Die Wiederherstellung der Natur erfordert darüber hinaus eine beispiellose Mobilisierung von Kapital. Unternehmen können Instrumente wie Biodiversitätszertifikate, Kohlenstofffinanzierungen (Carbon Credits), Impact Investing oder spezifische Versicherungsprodukte nutzen, um diesen Wandel zu unterstützen. Die notwendige Skalierung wird zudem stärkere Partnerschaften zwischen öffentlichen Akteuren, Unternehmen, NGOs und der Wissenschaft erfordern, um Fachwissen, Ressourcen und Handlungskapazitäten zu bündeln.
Banken, Vermögensverwalter, institutionelle Investoren und Versicherer nehmen dabei eine strategische Rolle ein, indem sie Kapitalströme in naturbasierte Lösungen lenken und Biodiversitätsaspekte in Investitions- und Finanzierungsentscheidungen integrieren. Dies wird insbesondere für Branchen von entscheidender Bedeutung sein, die stark von Ökosystemen abhängen oder diese wesentlich beeinflussen, etwa Energie, Infrastruktur, Verkehr, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Rohstoffe und Immobilien. Für diese Akteure wird die Berücksichtigung biodiversitätsbezogener Risiken zunehmend zu einem zentralen Bestandteil von Risikomanagement, operativer Resilienz und langfristiger Wertschöpfung.
Beispiele: drei inspirierende sektorale Ansätze
Diese Initiativen zeigen, dass führende Unternehmen Biodiversität heute gleichermaßen als Risiko- und Nachhaltigkeitsthema betrachten. Sie verdeutlichen außerdem, dass Biodiversität ein konkreter Hebel für Innovation, Differenzierung und nachhaltige Leistungsfähigkeit sein kann.
Entwicklung von Versicherungsprodukten zur Unterstützung der Wiederherstellung von Ökosystemen und der Resilienz von Regionen.
Integration von Biodiversität in Forschung und neue Gesundheitsansätze, insbesondere im Bereich des Mikrobioms und natürlicher Wirkstoffe.
Sanofi investiert zudem in die Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen, in die mikrobielle Medizin sowie in die Erforschung neu auftretender Krankheiten.
Bekämpft die Ursachen direkt durch die Wiederherstellung von Ökosystemen, die Renaturierung von Feuchtgebieten und die Verbesserung der Qualität natürlicher Ressourcen.
Darüber hinaus setzt Veolia auf ökologische Aufwertungsstrategien an Industriestandorten, nachhaltiges Wassermanagement und die Messung von Biodiversitätswirkungen.